Beziehungswechsel

Küsse, die nach Ersticken schmeckten. Streicheleinheiten, die sie ertrug, weil sie glaubte, dass dies der Preis für Liebe sei. Fremdliebe, für die sie viele Opfer brachte, weil sie von Eigenliebe nichts verstand.

Jede Beziehung ein Abwägen: Wie lange kann ich warten? Wann muss ich wie viel Intimität zulassen, damit ich ihn nicht verliere?

Gegangen waren die Männer trotzdem, im Guten. Keine Trennung mit großem Knall, eher ein stilles Auseinanderdriften, bis beide merkten, dass sie sich nicht mehr erreichen konnten.

Danach: Erleichterung, zumindest in der ersten Zeit, bis die Selbstzweifel überwogen. Dass sie liebenswert war, konnte sie nur glauben, wenn jemand sich entschied, mit ihr zusammen zu sein.

Eingeengt in der Gemeinschaft, unsicher allein, in diesem Wechselspiel gingen die Jahre dahin. Bis sie endlich begriff, dass nichts Schlimmes daran war, anders zu sein. Sie trennte sich, anstatt zu warten, bis sie verlassen wurde, um sich dann ob ihres Scheiterns selbst zu zerfleischen. Jeder Tag ein weiterer Schritt weg von dem inneren Zwang, sich anzupassen und ihr Leben in eine gesellschaftliche Schablone zu pressen.

Jetzt steht sie vor dem Spiegel und lächelt sich noch einmal zu, ehe sie das Haus verlässt. Sie hat sich hübsch gemacht, trägt ihr bestes Kleid. Ein ganz besonderer Abend soll es werden, denn sie hat ein Date – mit sich selbst.

 

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Date)

Schreibgedanken: Was das Schreiben mir bedeutet

„Warum schreibst Du?“ Das ist wohl eine der häufigsten Fragen in Autorengruppen bei Facebook oder in andere Netzwerken. Ich lese die Antworten jedes Mal mit großem Interesse und habe mir natürlich auch meine eigenen Gedanken dazu gemacht. Es wird Zeit, sie etwas ausführlicher niederzuschreiben.

Ich brenne nicht, ich glimme

Viele schreiben, wie sehr sie für das Schreiben brennen, dass sie gar nicht anders können, sich sonst unvollständig, nicht lebendig, nicht wie ein ganzer Mensch fühlen. Dann sitze ich etwas verschämt vor dem Bildschirm und frage mich, ob ich mich mit meiner kleinen, unscheinbaren Antwort überhaupt in den Schatten großer Leidenschaften stellen soll. Für die bin ich nämlich nicht gemacht. Ich schreibe, weil ich es gern tue und es mir leicht fällt, mit Worten umzugehen, zumindest wenn ich sie aufschreiben kann. Gespräche sind da eine andere Sache, aber ich schweife ab …

In erster Linie ist das Schreiben für mich ein wunderbares Hobby. Ich genieße die Zeit, die ich damit verbringen kann und ich freue mich, wenn ich andere mit meinen Texten erreiche. Aber ich spüre kein großes Feuer in mir, ich glimme eher so vor mich hin. Anfangs habe ich damit gehadert, wenn ich die vielen tollen Antworten las, die nur so vor Schriftstellergeist sprühten, inzwischen sage ich mir: Es ist okay, so bin ich eben. Wenn wir alle brennen würden, wäre es auch viel zu heiß. Also übernehme ich den Part, gemeinsam mit anderen Pragmatikerin für Abkühlung zu sorgen.

Vom Tanz mit der Dunkelheit

Und doch ist da mehr als nur das bloße Vergnügen daran, Buchstaben zu einer Geschichte oder einem Gedankensplitter zusammenzusetzen. Hierbei ist das Schreiben aber nicht so sehr die Triebfeder, sondern vielmehr ein Werkzeug oder gar eine Waffe, die ich nutze, um meine inneren Dämonen zu bekämpfen. Die Landkarte meiner Seele ist voller schwarzer Flecken. Früher wusste ich damit nicht umzugehen, fühlte mich der Dunkelheit sinnlos ausgeliefert und habe entweder versucht, mich von ihr abzulenken und sie zu betäuben oder leise wimmernd gehofft, sie möge doch endlich verschwinden. Geholfen hat es nicht, im Gegenteil. Meine Schwäche, mein passives Verharren in erstarrter Untätigkeit nährte ihre Kraft, bis ich irgendwann an den Punkt gelangte, an dem ich wusste, dass es nur noch zwei Möglichkeiten gibt: Mich von der Finsternis verschlingen zu lassen oder mich herauszukämpfen.

Ich habe mich für den letztgenannten Weg entschieden. Es ist ein holpriger Kampf, bei dem es immer wieder Rückschläge gibt. Aber jedes Mal, wenn ich gefallen und wieder aufgestanden bin, gehe ich ein wenig stärker daraus hervor. Ein Grund dafür ist, dass ich die Macht des Schreibens entdeckt habe. Indem ich die Schatten nicht länger als Feinde betrachte, sondern als Material, aus dem ich Worte und Geschichten formen kann, fällt es mir leichter zu akzeptieren, dass sie mich wohl niemals ganz verlassen werden. Womöglich brauche ich sie sogar, um schreiben zu können, weil sie es sind, die mich ans Notizbuch oder den Computer treiben. Daher sehe ich die Dunkelheit nicht mehr nur als Fluch, sondern auch als Geschenk, denn ohne sie hätte ich niemals Texte wie „Mein Schatten“ oder „Tinte“ geschrieben und wäre vielleicht sogar ein anderer Mensch. Das wäre schade, denn ich mag mich, trotz aller Macken und Unvollkommenheiten. Es hatte lange gedauert, bis ich das so sagen oder schreiben konnte. Dass ich heute so weit bin, verdanke ich vor allem dem Schreiben.

Die Wunsch-GmbH

Viola starrte auf das dicht bedruckte Papier. Nur eine Unterschrift trennte sie noch von ihrem neuen Leben. Wollte sie diesen Schritt wirklich gehen?
Sie dachte an ihre letzten Berufsjahre zurück. Immer lächeln, immer freundlich sein, ganz gleich, wie dreist die Wünsche ihres Gegenübers waren. Alles, wirklich alles hatte sie möglich gemacht, und wofür? Selbst ein einfaches Danke war zur Seltenheit geworden. Manche waren gar so dreist, Viola für die eigene Dummheit verantwortlich zu machen. Was konnte sie dafür, wenn andere nicht fähig waren, ihren Verstand zu gebrauchen und die Konsequenzen ihres Handelns abzuschätzen? Wie oft hatte sie davor gewarnt, etwas Unüberlegtes zu tun? Wie vielen hatte sie geraten, noch einmal in sich zu gehen und darüber nachzudenken, ob sie wirklich wollten, was sie von ihr verlangten? Doch kaum einer wusste ihr Engagement zu würdigen. Mit jedem Auftrag, den sie erfüllte, wurde ihr Frust größer. Viola fühlte sich benutzt, missachtet und ausgebrannt.

Deshalb saß sie nun hier, im Büro der Konkurrenz. War sie ernsthaft bereit, die Seiten zu wechseln? Und ob! Entschlossen schwang sie den Füllfederhalter und setzte ihren Namen unter den Vertrag. Die Menschen hatten ihre Güte verschmäht, nun sollten sie ihren Zorn zu spüren bekommen. Sie, Viola, ehemals gute Fee, würde künftig mit Vergnügen daran arbeiten, das Schlechteste aus jedem Wunsch herauszuholen.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Wunsch)

Buchgedanken: Was tust Du, wenn Du ums Überleben kämpfen musst?

Die Zivilisation hinter sich lassen und einmal um die Welt segeln, klingt das nicht nach einem wunderbaren Abenteuer? Das denken sich auch Louise und Ludovic aus dem Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. Als das Paar jedoch nach einem Sturm auf einer Insel mitten in der Antarktis festsitzt, ist jegliche Reiseromantik schnell dahin. Von der Außenwelt völlig abgeschnitten, beginnt der harte Kampf ums Überleben.

Was macht die drohende Lebensgefahr mit den gestrandeten Menschen?

Diese Frage steht im ersten Teil des Buches im Mittelpunkt. Auf die Erzählung selbst möchte ich nun nicht weiter eingehen, denn meine „Buchgedanken“ sind keine Rezensionen, sondern widmen sich den Gedanken und Gefühlen, die das Lesen bei mir auslöst.
Hier war es zunächst Neugier darauf, wie Louise und Ludovic miteinander und mit der lebensbedrohlichen Situation umgehen werden, und ein wenig auch die Frage, ob mich die Geschichte erreichen wird. Das Buch war nämlich ein Blind Date. Ich wusste beim Kauf nicht, was sich hinter dem Packpapier verbarg, das mich mit Hinweisen wie „Abenteuer pur“ und „Überlebenskampf auf einer verbotenen Insel“ lockte. Ansonsten hätte ich es vermutlich nicht gekauft, da mein erster Blick immer dem Titel gilt. „Herz auf Eis“ hätte für mich zu sehr nach Liebesgeschichte geklungen, als dass ich das Buch näher betrachtet hätte.
Umso glücklicher bin ich darüber, dass es auf diesem Weg zu mir gefunden hat, denn auch wenn ich es hier nicht rezensieren möchte, sei doch so viel gesagt: Ich fand es überraschend gut. Obgleich es darin teils um Liebe geht, ist es von Kitsch so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol. Das Stranden auf der Insel wird nicht beschönigt oder gar romantisiert, sondern realistisch und schonungslos geschildert. Manches Mal schwankte ich zwischen Abscheu und der Frage, wie weit ich selbst gehen würde, um mein Überleben zu sichern.
Daheim, in eine kuschelige Decke gehüllt, eine Tasse Tee neben mir und ein voller Kühlschrank nur wenige Schritte entfernt, ist es leicht, von einer grenzwertigen Handlung angewidert zu sein. Aber was würde ich selbst tun, wenn ich in der Lage der beiden Protagonisten wäre? Ich weiß es nicht und bin aufrichtig froh darüber, dass ich es wahrscheinlich nie herausfinden muss. Wer weiß, welche Abgründe ich an mir selbst entdecken würde …

Wie sehr ändern wir uns, wenn die Umstände sich ändern?

Hunger, Kälte, Erschöpfung und Angst bringen Seiten der Charaktere zum Vorschein, die im Alltag wenn, dann nur sehr gedämpft zu Tage treten. Wie zivilisiert ist der Mensch noch, wenn er von all dem Komfort abgeschnitten wird, der für die meisten von uns längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist? Wie viel kann Liebe ertragen, was kann sie überstehen? Wozu ist ein Mensch bereit, wenn sein Leben auf dem Spiel steht? Welche Entscheidungen trifft er und wie geht er später damit um? Interessante Fragen, die mich durch das Buch begleitet haben. Manches hat mich erschreckt, und das gehört auch dazu bei solch einem Thema. Die Konfrontation mit menschlichen Abgründen und mit den psychischen Mechanismen, die bei der Verarbeitung solcher Extremsituationen greifen, fand ich ungemein spannend.

Was nach dem Lesen bleibt

Auch nach dem Zuklappen des Buches bleibt die Frage, wie ich wohl handeln würde, wenn ich selbst in so einer Lage wäre. Dabei gebe ich mich keinen Illusionen hin, dass ich das Ganze heldenhaft meisten würde. Vermutlich würde auch ich Seiten an mir kennenlernen, die mir nicht gefallen. Außerdem hat mir das Buch verdeutlicht, wie schwierig es ist, das Handeln anderer von außen zu beurteilen. Bei so mancher Situation, der ich im ersten Moment mit Unverständnis begegnete, fragte ich mich später, ob es denn wirklich besser für alle Beteiligten gewesen wäre, wenn sie sich so verhalten hätten, wie ich es spontan als richtig empfinden würde.

Weiterführende Links zu „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier

Rezensionen:

Bei der Auswahl der Rezensionen habe ich darauf geachtet, dass sie möglichst verschiedene Meinungen repräsentieren:

Buchseite des Verlags:

https://www.mare.de/herz-auf-eis-8256

Alle Verlinkungen erfolgen ohne Gegenleistung und zu informativen Zwecken.

Tinte

In dunklem Blau fließen meine Gedanken aufs Papier.
Die inneren Dämonen werden erträglicher, wenn ich sie in Worte banne. Sie verschwinden nicht, aber sie verlieren an Macht. Die Kraft, die mir das Schreiben gibt, sauge ich von der ihren ab.
Sie hassen es, deshalb flüstern sie mir ein, dass ich nichts als wertlose Buchstaben produziere. Aber ich höre nicht auf sie, nicht mehr.
Es gab eine Zeit, da hätte ich ihnen geglaubt, doch sie ist längst vorüber.
Die Schatten begleiten mich, doch bin ich nicht mehr ihr wehrloses Opfer. Ich bin ihre Gegnerin. Nicht immer stark, aber niemals bereit, aufzugeben und ihnen das Feld zu überlassen. Ich bekämpfe sie mit dem Füllfederhalter in der Hand, meiner mächtigsten Waffe.

So wie mein Körper das Blut braucht, das durch meine Adern fließt, so braucht meine Seele die Tinte, um zu überleben.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Blau)