Zeitspiel

Zeitspiel

Er folgte ihr, doch sie bemerkte ihn nicht. Sorglos spazierte sie durch den Wald und blieb gelegentlich stehen, um die Blätter zu beobachten, wie sie im Wind tanzten. Auf ihn wirkte es, als wollten sie ihre letzte Kraft in einen schönen Abgang legen, ehe sie verfaulten und verrotteten, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb. Auch von ihr würde bald nichts mehr bleiben.

Nein, das stimmte nicht. Sie war die personifizierte Lebensfreude und würde Spuren in den Herzen vieler Menschen hinterlassen – und eine schmerzliche Lücke. Nie wieder würde sie in einen Haufen Blätter springen, sie mit den Füßen aufwirbeln und sich lachend im Kreis drehen. Wenn sie erst so kalt war wie er, würde sie sie sich von ihm abwenden, weil er ihr alles genommen hatte. Seine Liebe würde sie niemals erwidern. Wie könnte sie?

In seinem Schädel hallten die tausendfachen Warnungen wider, während er nach der Uhr griff und mit seinen knochigen Fingern das Rädchen auf der Rückseite umfasste. Die Zeiger waren träge geworden, schleppten sich nur noch mühsam über das Ziffernblatt. Entschlossen drehte er bis zum Anschlag.

Wie viel Zeit hatte er ihr geschenkt und wem hatte er sie genommen? Welches Unheil hatte er über die Welt gebracht, indem er die ihm gesetzten Grenzen überschritt?

Er würde es erleben, mit allen Konsequenzen. Ein sterbliches Dasein war der Preis, den er für das Spiel mit der Zeit zahlen musste. Lieber überließ er seinen Thron einem neuen Tod, als ihren leblosen Schatten in seinem Reich zu sehen.

Tinte

Tinte

In dunklem Blau fließen meine Gedanken aufs Papier.
Die inneren Dämonen werden erträglicher, wenn ich sie in Worte banne. Sie verschwinden nicht, aber sie verlieren an Macht. Die Kraft, die mir das Schreiben gibt, sauge ich von der ihren ab.
Sie hassen es, deshalb flüstern sie mir ein, dass ich nichts als wertlose Buchstaben produziere. Aber ich höre nicht auf sie, nicht mehr.
Es gab eine Zeit, da hätte ich ihnen geglaubt, doch sie ist längst vorüber.
Die Schatten begleiten mich, doch bin ich nicht mehr ihr wehrloses Opfer. Ich bin ihre Gegnerin. Nicht immer stark, aber niemals bereit, aufzugeben und ihnen das Feld zu überlassen. Ich bekämpfe sie mit dem Füllfederhalter in der Hand, meiner mächtigsten Waffe.

So wie mein Körper das Blut braucht, das durch meine Adern fließt, so braucht meine Seele die Tinte, um zu überleben.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Blau)

Buchgedanken: Was wäre, wenn Du nur 100 Wörter sagen dürftest?

Buchgedanken: Was wäre, wenn Du nur 100 Wörter sagen dürftest?

So ist es im Roman „Vox“ von Christina Dalcher. Genauer gesagt ist es Frauen und Mädchen nur noch gestattet, 100 Wörter am Tag zu sprechen. Wird die Menge überschritten, löst ein Armband am Handgelenk zunehmend stärker werdende Stromstöße aus. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und sollen sich ganz auf die Rolle als Ehefrauen und Mütter konzentrieren. So wollen es die christlich-fundamentalistischen „Reinen“, die in Amerika an die Macht gelangt sind. Ein interessantes Gedankenspiel. Deshalb habe ich zu diesem Buch gegriffen, auf das ich nachfolgend aber nur am Rande eingehen möchte, denn dies ist keine Rezension. Ich verfolge mit meinem Blog ein anderes Konzept, das ich in meinem Artikel „Wie ich über Bücher schreiben möchte“ kurz vorstelle. Statt das Gelesene zu bewerten, möchte ich die Gedanken und Gefühle mit euch teilen, die es bei mir ausgelöst hat.

Wie könnte die Zukunft wirklich aussehen?

Wäre eine derartig massive Unterdrückung des weiblichen Geschlechts in den USA der nahen Zukunft tatsächlich möglich? Ich kann es mir nur schwer vorstellen. Allerdings hätte ich auch nie gedacht, dass jemand wie Donald Trump jemals Präsident werden würde, also was verstehe ich schon von der amerikanischen Seele? Allerdings hält auch die Protagonistin zunächst für undenkbar, was auf den ersten Seiten des Romans bereits zu ihrer grausamen Realität geworden ist.

Wie wäre ich wohl mit den mahnenden Stimmen umgegangen? Hätte ich auf sie gehört oder sie als Schwarzmalerei abgetan? Zumindest wäre ich ihnen mit einer gewissen Skepsis begegnet. Das ist meiner Meinung nach auch sinnvoll, denn in einer komplexen Welt wie der unsrigen lauert die Gefahr bei Zukunftsvisionen von verschiedenen Seiten. Einerseits sollten wir wichtige Warnungen nicht ignorieren, andererseits aber auch nicht auf falsche Untergangspropheten hereinfallen, die Angst schüren, um ihre eigenen Zwecke zu verfolgen. Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist oft eine ziemliche Herausforderung.

Von der Verarmung der Sprache

100 Wörter, das ist ziemlich wenig. Das gilt umso mehr, als dass Schummeleien wie stattdessen zu Papier und Stift zu greifen ebenfalls ausgeschlossen sind. Erst dadurch wird die Vorstellung für mich richtig beklemmend. Es kommt nämlich durchaus vor, dass den ganzen Tag kaum eine Silbe über meine Lippen kommt. Aber ich finde den Gedanken unerträglich, mich nicht mehr schriftlich ausdrücken zu können. Den Frauen in „Vox“ nimmt man in vielerlei Hinsicht ihre Stimme, nicht nur in Bezug auf das gesprochene Wort. Viele Gedanken bleiben im Inneren verschlossen, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, sie anderen mitzuteilen. Da die Wortzähler bereits im frühen Kindesalter angelegt werden, behindert die Regierung in „Vox“ die Mädchen zudem in der Entwicklung einer vielfältigen Ausdrucksfähigkeit. Wie würde das Leben in solch einer Gesellschaft zwei, drei Generationen später aussehen? Schließlich lassen sich Sprache und Denken nicht voneinander trennen. Wenn ich über die Welt nachdenke, dann tue ich das mit stummen Worten in meinem Kopf.

Was nach dem Lesen bleibt

Das Buch hat mich daran erinnert, wie wunderbar die Vielfalt unserer Sprache ist. Ich gehe tagtäglich ganz selbstverständlich mit Worten um. Sich darüber Gedanken zu machen, wie es wäre, wenn sie zur stark rationierten Ressource würden, ist bedrückend, aber auch interessant und bewegend. Das ist der Aspekt, der mich an „Vox“ gereizt hat und mir auch nach dem Beenden des Buchs in Erinnerung bleiben wird.

Weiterführende Links zu „Vox“ von Christina Dalcher

Rezensionen:

Auf dieses Buch wurde ich erst über eine Rezension im Blog „Franzi liest“ aufmerksam: http://franzi-liest.de/wp/christina-dalcher-vox/

Außerdem habe ich aus den Feuilletons zwei weitere Rezensionen herausgesucht, die das Buch auf unterschiedliche Weise bewerten:

Buchseite des Verlags:

https://www.fischerverlage.de/buch/christina_dalcher_vox/9783103974072

Alle Verlinkungen erfolgen ohne Gegenleistung und zu informativen Zwecken.

Wie ich über Bücher schreiben möchte

Wie ich über Bücher schreiben möchte

Manche Geschichten lese ich, fühle mich gut unterhalten, nehme aber nichts daraus mit. Kaum ist die letzte Seite beendet, geraten sie schon in Vergessenheit. Deshalb sind sie nicht schlecht, sie haben mir nur nichts zu sagen, das mich auch unter der Oberfläche zu bewegen vermag. Viel interessanter finde ich jedoch Bücher, die innehalten und über das Gelesene nachdenken lassen, die mich sowohl emotional als auch intellektuell berühren und mir etwas über die Welt, das Leben, die Gesellschaft oder die Eigenarten der menschlichen Spezies erzählen.

Um diese Bücher soll es hier gehen, allerdings nicht in Form von Rezensionen. Mir kommt es nicht auf die Bewertung des Schreibstils, der Handlung, der Charaktere oder dergleichen an. Das überlasse ich den wundervollen Buchbloggern und Literaturkritikern, denen so etwas mehr liegt als mir. Stattdessen schildere ich jene Gedanken und Gefühle, die sich nicht direkt auf den Text beziehen, sondern über diesen hinausweisen und eine Brücke zwischen dem Gelesenen und der Welt außerhalb des Buches schlagen. Was löst der Inhalt in mir aus? Welche neue Perspektive eröffnet die Geschichte mir? Worüber habe ich vorher vielleicht noch nie nachgedacht? Was erfahre ich über mich, über andere, über das Leben?

Solche Fragen machen für mich die eigentliche Faszination der Bücher aus. Manchmal genügt es mir, gut unterhalten zu werden und die Realität für eine Weile hinter mir zu lassen. Meistens lese ich jedoch nicht, um dieser Welt zu entfliehen, sondern um sie auf immer wieder neue Weise und aus anderen Blickwinkeln zu entdecken. Genau dieser Aspekt des Lesens ist es, über den ich in meinem Blog schreiben möchte.

Von Besserlesern und Schubladendenken

Von Besserlesern und Schubladendenken

Eigentlich mag ich soziale Netzwerke. Sie bieten mir die Möglichkeit, mich mit anderen Menschen auszutauschen, die Bücher genauso sehr lieben wie ich. Ist das nicht wunderbar? Meistens ja. Doch wie so oft im Leben gibt es auch hier nicht nur Sonnenschein.

Sag mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist

Das scheint das Motto zu sein, mit dem manche anderen gegenüber treten. Ein Urteil ist oft schnell gefällt, ein einziges Buch genügt oft schon, um Leser in eine Schublade zu stecken oder sich – schlimmer noch – ein Bild von deren Persönlichkeit zu machen. Dabei ist das Ich eines Menschen doch ein kunterbuntes Mosaik und der Titel eines gelesenen Buches nur ein winziges Steinchen darin. Ich lese zum Beispiel gerne Klassiker, vor allem Shakespeare hat es mir angetan? Bin ich also eine Intellektuelle, die sich nur mit schöngeistiger Literatur beschäftigt? Nur, wenn man auch Batman-Comics dazu rechnet, die lese ich nämlich genauso gern. Passt nicht zusammen? Für mich schon, weil die Begeisterung für beides zu mir gehört. Würde man also tatsächlich versuchen, mich allein aufgrund der aktuellen Lektüre zu beurteilen, kämen die verschiedensten Vorstellungen heraus, allesamt gleichermaßen falsch.

Das Buch ist schlecht, also ist der Leser …

Nein, ich werde diesen Satz nicht fortführen. Das wäre nämlich unsinnig. Dass ich ein Buch als schlecht empfinde, das einem anderen gefällt, sagt nämlich nur wenig über ihn als Mensch aus, höchstens über einen winzigen Ausschnitt seines literarischen Geschmacks. Ist mir eine Geschichte zum Beispiel zu seicht, heißt das nicht, dass deren Leser seicht sind. Manch einer denkt den ganzen Tag, muss sein Gehirn auf Hochtouren laufen lassen und braucht etwas, mit dem er etwas herunterfahren kann, um abzuschalten. Oder es fehlt nach einem anstrengenden Tag in der Schule, an der Uni, bei der Arbeit oder der Betreuung der Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger die Konzentration für ein hochkomplexes Werk. Die Leben der Leser sind vielfältig, die Gründe, zu einem Buch zu greifen ebenso. Da ist gut und richtig so und ich finde, es steht keinem zu, auf jemanden nur wegen der Auswahl seiner Lektüre herabzusehen.

Buchregal, Buchregal an der Wand, wer ist der beste Leser im Land?

Ist das denn wichtig? Sollten wir nicht lieber glücklich darüber sein, dass es noch so viele Menschen gibt, die Freude an geschrieben Worten und daraus gewobenen Geschichten haben? Was ist überhaupt ein „guter“ Geschmack und wer entscheidet das? Nach welchen Kriterien soll man das beurteilen und sind diese wirklich objektiv? Ein Beispiel: Angenommen man betrachtet Klassiker als anspruchsvolle Literatur, Liebesromane aber als triviale Unterhaltung, was ist dann mit den Klassikern, die im Kern eine Liebesgeschichte erzählen? Was macht diese besser als einen modernen Liebesroman? Ist es die Sprache? Der Bezug zur dargestellten Beziehung zur gesamtgesellschaftlichen Realität der jeweiligen Zeit? Wer oder was entscheidet darüber, ob eine Liebesgeschichte trivial ist oder nicht? Ist vieles hier nicht eher subjektiv? Ist man tatsächlich ein „besserer“ Leser, wenn man eine bestimmte Art von Literatur bevorzugt? Ich denke nein.  Neulich las ich in einer Diskussion zu diesem Thema eine sehr kluge Aussage, nämlich dass man aus jeder Geschichte etwas herausziehen und lernen könne. Das unterschreibe ich sofort. Es kommt nicht nur auf den Inhalt des Buches an, sondern auch darauf, wie man es liest. Jedes Buch kann uns etwas über unsere Welt erzählen, selbst wenn sie gar nicht in dieser spielt, sondern in einer fernen Galaxie oder einem fiktiven Reich voller Magie und Zauber.

Wunderbar bunte Medienwelt

Das Buch hat im Lauf der Jahrzehnte immer mehr Konkurrenz bekommen. Neue Medien sind hinzugekommen und haben sich stetig weiterentwickelt. Wenn ich da zum Beispiel an Computerspiele denke, so sind heute plastische Welten möglich, an die ich niemals gedacht hätte, als ich in meiner Jugend virtuelle Spielkarten mit der Maus über den Bildschirm schob. Es gibt eine Vielzahl an Fernsehsendern und Streamingdiensten, die Auswahl ist größer denn je. Für viele ist das Buch nicht mehr unbedingt die erste Wahl. Das kann man bedauerlich finden, das verstehe ich. Teils geht es mir ja auch so, vor allem weil ich sehe, dass mit der Zahl der Leser auch die Vielfalt am Buchmarkt schrumpft. Andererseits stimmt es mich aber traurig, dass manche Leser diese Entwicklung zum Anlass nehmen, um sich über die Konsumenten anderer Medien zu erheben. Wenn sich jemand für ein Buch entscheidet, ist das toll, aber es macht ihn nicht automatisch besser oder klüger als jemanden, der den Abend lieber mit einer Serie oder einem Spiel verbringt. Zumal es ohnehin kaum reine Leser oder Nichtleser gibt, Es ist schließlich keiner gezwungen, sich für ein Medium zu entscheiden. Jedes davon bietet eine breite Vielfalt von simplen bis zu hochkomplexen Inhalten. Es ist großartig, dass wir die Wahl haben. Und letztendlich haben doch alle Medien eines gemeinsam: Sie vermögen es, eine spannende Geschichte zu erzählen.