Die Wunsch-GmbH

Die Wunsch-GmbH

Viola starrte auf das dicht bedruckte Papier. Nur eine Unterschrift trennte sie noch von ihrem neuen Leben. Wollte sie diesen Schritt wirklich gehen?
Sie dachte an ihre letzten Berufsjahre zurück. Immer lächeln, immer freundlich sein, ganz gleich, wie dreist die Wünsche ihres Gegenübers waren. Alles, wirklich alles hatte sie möglich gemacht, und wofür? Selbst ein einfaches Danke war zur Seltenheit geworden. Manche waren gar so dreist, Viola für die eigene Dummheit verantwortlich zu machen. Was konnte sie dafür, wenn andere nicht fähig waren, ihren Verstand zu gebrauchen und die Konsequenzen ihres Handelns abzuschätzen? Wie oft hatte sie davor gewarnt, etwas Unüberlegtes zu tun? Wie vielen hatte sie geraten, noch einmal in sich zu gehen und darüber nachzudenken, ob sie wirklich wollten, was sie von ihr verlangten? Doch kaum einer wusste ihr Engagement zu würdigen. Mit jedem Auftrag, den sie erfüllte, wurde ihr Frust größer. Viola fühlte sich benutzt, missachtet und ausgebrannt.

Deshalb saß sie nun hier, im Büro der Konkurrenz. War sie ernsthaft bereit, die Seiten zu wechseln? Und ob! Entschlossen schwang sie den Füllfederhalter und setzte ihren Namen unter den Vertrag. Die Menschen hatten ihre Güte verschmäht, nun sollten sie ihren Zorn zu spüren bekommen. Sie, Viola, ehemals gute Fee, würde künftig mit Vergnügen daran arbeiten, das Schlechteste aus jedem Wunsch herauszuholen.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Wunsch)

Buchgedanken: Was tust Du, wenn Du ums Überleben kämpfen musst?

Buchgedanken: Was tust Du, wenn Du ums Überleben kämpfen musst?

Die Zivilisation hinter sich lassen und einmal um die Welt segeln, klingt das nicht nach einem wunderbaren Abenteuer? Das denken sich auch Louise und Ludovic aus dem Roman „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier. Als das Paar jedoch nach einem Sturm auf einer Insel mitten in der Antarktis festsitzt, ist jegliche Reiseromantik schnell dahin. Von der Außenwelt völlig abgeschnitten, beginnt der harte Kampf ums Überleben.

Was macht die drohende Lebensgefahr mit den gestrandeten Menschen?

Diese Frage steht im ersten Teil des Buches im Mittelpunkt. Auf die Erzählung selbst möchte ich nun nicht weiter eingehen, denn meine „Buchgedanken“ sind keine Rezensionen, sondern widmen sich den Gedanken und Gefühlen, die das Lesen bei mir auslöst. Hier war es zunächst Neugier darauf, wie Louise und Ludovic miteinander und mit der lebensbedrohlichen Situation umgehen werden, und ein wenig auch darauf, ob mich die Geschichte erreichen wird. Das Buch war nämlich ein Blind Date, ich wusste beim Kauf also nicht, was sich hinter dem Packpapier verbarg, das mich mit Hinweisen wie „Abenteuer pur“ und „Überlebenskampf auf einer verbotenen Insel“ lockte. Ansonsten hätte ich es vermutlich nicht gekauft, da mein erster Blick immer dem Titel gilt. „Herz auf Eis“ hätte für mich sonst zu sehr nach Liebesgeschichte geklungen, als dass ich das Buch näher betrachtet hätte. Umso glücklicher bin ich darüber, dass es auf diesem Weg zu mir gefunden hat, denn auch wenn ich es hier nicht rezensieren möchte, sei doch so viel gesagt: Ich fand es überraschend gut. Und auch wenn es darin teils um Liebe geht, ist es von Kitsch so weit entfernt wie der Nord- vom Südpol. Das Stranden auf der Insel wird nicht beschönigt oder gar romantisiert, sondern realistisch und schonungslos geschildert. Manches Mal schwankte ich zwischen Abscheu und der Frage, wie weit ich selbst gehen würde, um mein Überleben zu sichern. Daheim, in eine kuschelige Decke gehüllt, eine Tasse Tee neben mir und ein voller Kühlschrank nur wenige Schritte entfernt, ist es leicht, von einer grenzwertigen Handlung angewidert zu sein. Aber was würde ich selbst tun, wenn ich in der Lage der beiden Protagonisten wäre? Ich weiß es nicht und bin aufrichtig froh darüber, dass ich es wahrscheinlich nie herausfinden muss. Wer weiß, welche Abgründe ich an mir selbst entdecken würde …

Wie sehr ändern wir uns, wenn die Umstände sich ändern?

Hunger, Kälte, Erschöpfung und Angst bringen Seiten der Protagonisten zum Vorschein, die im Alltag wenn, dann nur sehr gedämpft zu Tage treten. Wie zivilisiert ist der Mensch noch, wenn er von all dem Komfort abgeschnitten wird, der für die meisten von uns längst zur Selbstverständlichkeit geworden ist? Wie viel kann Liebe ertragen, was kann sie überstehen? Wozu ist ein Mensch bereit, wenn sein Leben auf dem Spiel steht? Welche Entscheidungen trifft er und wie geht er später damit um? Interessante Fragen, die mich durch das Buch begleitet haben. Manches hat mich erschreckt, und das gehört auch dazu bei solch einem Thema. Die Konfrontation mit menschlichen Abgründen und mit den psychischen Mechanismen, die bei der Verarbeitung solcher Extremsituationen greifen, fand ich ungemein spannend.

Was nach dem Lesen bleibt

Auch nach dem Zuklappen des Buches bleibt die Frage, wie ich wohl handeln würde, wenn ich selbst in so einer Lage wäre. Dabei gebe ich mich keinen Illusionen hin, dass ich das Ganze heldenhaft meisten würde. Vermutlich würde auch ich Seiten an mir kennenlernen, die mir nicht gefallen. Außerdem hat mir das Buch verdeutlicht, wie schwierig es ist, das Handeln anderer von außen zu beurteilen. Bei so mancher Situation, der ich im ersten Moment mit Unverständnis begegnete, fragte ich mich später, ob es denn wirklich besser für alle Beteiligten gewesen wäre, wenn sie sich so verhalten hätten, wie ich es spontan als richtig empfinden würde.

Weiterführende Links zu „Herz auf Eis“ von Isabelle Autissier

Rezensionen:

Bei der Auswahl der Rezensionen habe ich darauf geachtet, dass sie möglichst verschiedene Meinungen repräsentieren:

Buchseite des Verlags:

https://www.mare.de/herz-auf-eis-8256

Alle Verlinkungen erfolgen ohne Gegenleistung und zu informativen Zwecken.

Zeitspiel

Zeitspiel

Er folgte ihr, doch sie bemerkte ihn nicht. Sorglos spazierte sie durch den Wald und blieb gelegentlich stehen, um die Blätter zu beobachten, wie sie im Wind tanzten. Auf ihn wirkte es, als wollten sie ihre letzte Kraft in einen schönen Abgang legen, ehe sie verfaulten und verrotteten, bis nichts mehr von ihnen übrig blieb. Auch von ihr würde bald nichts mehr bleiben.

Nein, das stimmte nicht. Sie war die personifizierte Lebensfreude und würde Spuren in den Herzen vieler Menschen hinterlassen – und eine schmerzliche Lücke. Nie wieder würde sie in einen Haufen Blätter springen, sie mit den Füßen aufwirbeln und sich lachend im Kreis drehen. Wenn sie erst so kalt war wie er, würde sie sie sich von ihm abwenden, weil er ihr alles genommen hatte. Seine Liebe würde sie niemals erwidern. Wie könnte sie?

In seinem Schädel hallten die tausendfachen Warnungen wider, während er nach der Uhr griff und mit seinen knochigen Fingern das Rädchen auf der Rückseite umfasste. Die Zeiger waren träge geworden, schleppten sich nur noch mühsam über das Ziffernblatt. Entschlossen drehte er bis zum Anschlag.

Wie viel Zeit hatte er ihr geschenkt und wem hatte er sie genommen? Welches Unheil hatte er über die Welt gebracht, indem er die ihm gesetzten Grenzen überschritt?

Er würde es erleben, mit allen Konsequenzen. Ein sterbliches Dasein war der Preis, den er für das Spiel mit der Zeit zahlen musste. Lieber überließ er seinen Thron einem neuen Tod, als ihren leblosen Schatten in seinem Reich zu sehen.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Uhr)

Tinte

Tinte

In dunklem Blau fließen meine Gedanken aufs Papier.
Die inneren Dämonen werden erträglicher, wenn ich sie in Worte banne. Sie verschwinden nicht, aber sie verlieren an Macht. Die Kraft, die mir das Schreiben gibt, sauge ich von der ihren ab.
Sie hassen es, deshalb flüstern sie mir ein, dass ich nichts als wertlose Buchstaben produziere. Aber ich höre nicht auf sie, nicht mehr.
Es gab eine Zeit, da hätte ich ihnen geglaubt, doch sie ist längst vorüber.
Die Schatten begleiten mich, doch bin ich nicht mehr ihr wehrloses Opfer. Ich bin ihre Gegnerin. Nicht immer stark, aber niemals bereit, aufzugeben und ihnen das Feld zu überlassen. Ich bekämpfe sie mit dem Füllfederhalter in der Hand, meiner mächtigsten Waffe.

So wie mein Körper das Blut braucht, das durch meine Adern fließt, so braucht meine Seele die Tinte, um zu überleben.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Blau)

Buchgedanken: Was wäre, wenn Du nur 100 Wörter sagen dürftest?

Buchgedanken: Was wäre, wenn Du nur 100 Wörter sagen dürftest?

So ist es im Roman „Vox“ von Christina Dalcher. Genauer gesagt ist es Frauen und Mädchen nur noch gestattet, 100 Wörter am Tag zu sprechen. Wird die Menge überschritten, löst ein Armband am Handgelenk zunehmend stärker werdende Stromstöße aus. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und sollen sich ganz auf die Rolle als Ehefrauen und Mütter konzentrieren. So wollen es die christlich-fundamentalistischen „Reinen“, die in Amerika an die Macht gelangt sind. Ein interessantes Gedankenspiel. Deshalb habe ich zu diesem Buch gegriffen, auf das ich nachfolgend aber nur am Rande eingehen möchte, denn dies ist keine Rezension. Statt das Gelesene zu bewerten, möchte ich die Gedanken und Gefühle mit euch teilen, die es bei mir ausgelöst hat.

Wie könnte die Zukunft wirklich aussehen?

Wäre eine derartig massive Unterdrückung des weiblichen Geschlechts in den USA der nahen Zukunft tatsächlich möglich? Ich kann es mir nur schwer vorstellen. Allerdings hätte ich auch nie gedacht, dass jemand wie Donald Trump jemals Präsident werden würde, also was verstehe ich schon von der amerikanischen Seele? Allerdings hält auch die Protagonistin zunächst für undenkbar, was auf den ersten Seiten des Romans bereits zu ihrer grausamen Realität geworden ist.

Wie wäre ich wohl mit den mahnenden Stimmen umgegangen? Hätte ich auf sie gehört oder sie als Schwarzmalerei abgetan? Zumindest wäre ich ihnen mit einer gewissen Skepsis begegnet. Das ist meiner Meinung nach auch sinnvoll, denn in einer komplexen Welt wie der unsrigen lauert die Gefahr bei Zukunftsvisionen von verschiedenen Seiten. Einerseits sollten wir wichtige Warnungen nicht ignorieren, andererseits aber auch nicht auf falsche Untergangspropheten hereinfallen, die Angst schüren, um ihre eigenen Zwecke zu verfolgen. Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist oft eine ziemliche Herausforderung.

Von der Verarmung der Sprache

100 Wörter, das ist ziemlich wenig. Das gilt umso mehr, als dass Schummeleien wie stattdessen zu Papier und Stift zu greifen ebenfalls ausgeschlossen sind. Erst dadurch wird die Vorstellung für mich richtig beklemmend. Es kommt nämlich durchaus vor, dass den ganzen Tag kaum eine Silbe über meine Lippen kommt. Aber ich finde den Gedanken unerträglich, mich nicht mehr schriftlich ausdrücken zu können. Den Frauen in „Vox“ nimmt man in vielerlei Hinsicht ihre Stimme, nicht nur in Bezug auf das gesprochene Wort. Viele Gedanken bleiben im Inneren verschlossen, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, sie anderen mitzuteilen. Da die Wortzähler bereits im frühen Kindesalter angelegt werden, behindert die Regierung in „Vox“ die Mädchen zudem in der Entwicklung einer vielfältigen Ausdrucksfähigkeit. Wie würde das Leben in solch einer Gesellschaft zwei, drei Generationen später aussehen? Schließlich lassen sich Sprache und Denken nicht voneinander trennen. Wenn ich über die Welt nachdenke, dann tue ich das mit stummen Worten in meinem Kopf.

Was nach dem Lesen bleibt

Das Buch hat mich daran erinnert, wie wunderbar die Vielfalt unserer Sprache ist. Ich gehe tagtäglich ganz selbstverständlich mit Worten um. Sich darüber Gedanken zu machen, wie es wäre, wenn sie zur stark rationierten Ressource würden, ist bedrückend, aber auch interessant und bewegend. Das ist der Aspekt, der mich an „Vox“ gereizt hat und mir auch nach dem Beenden des Buchs in Erinnerung bleiben wird.

Weiterführende Links zu „Vox“ von Christina Dalcher

Rezensionen:

Auf dieses Buch wurde ich erst über eine Rezension im Blog „Franzi liest“ aufmerksam: http://franzi-liest.de/wp/christina-dalcher-vox/

Außerdem habe ich aus den Feuilletons zwei weitere Rezensionen herausgesucht, die das Buch auf unterschiedliche Weise bewerten:

Buchseite des Verlags:

https://www.fischerverlage.de/buch/christina_dalcher_vox/9783103974072

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