Von Besserlesern und Schubladendenken

Von Besserlesern und Schubladendenken

Eigentlich mag ich soziale Netzwerke. Sie bieten mir die Möglichkeit, mich mit anderen Menschen auszutauschen, die Bücher genauso sehr lieben wie ich. Ist das nicht wunderbar? Meistens ja. Doch wie so oft im Leben gibt es auch hier nicht nur Sonnenschein.

Sag mir, was du liest und ich sage dir, wer du bist

Das scheint das Motto zu sein, mit dem manche anderen gegenüber treten. Ein Urteil ist oft schnell gefällt, ein einziges Buch genügt oft schon, um Leser in eine Schublade zu stecken oder sich – schlimmer noch – ein Bild von deren Persönlichkeit zu machen. Dabei ist das Ich eines Menschen doch ein kunterbuntes Mosaik und der Titel eines gelesenen Buches nur ein winziges Steinchen darin. Ich lese zum Beispiel gerne Klassiker, vor allem Shakespeare hat es mir angetan? Bin ich also eine Intellektuelle, die sich nur mit schöngeistiger Literatur beschäftigt? Nur, wenn man auch Batman-Comics dazu rechnet, die lese ich nämlich genauso gern. Passt nicht zusammen? Für mich schon, weil die Begeisterung für beides zu mir gehört. Würde man also tatsächlich versuchen, mich allein aufgrund der aktuellen Lektüre zu beurteilen, kämen die verschiedensten Vorstellungen heraus, allesamt gleichermaßen falsch.

Das Buch ist schlecht, also ist der Leser …

Nein, ich werde diesen Satz nicht fortführen. Das wäre nämlich unsinnig. Dass ich ein Buch als schlecht empfinde, das einem anderen gefällt, sagt nämlich nur wenig über ihn als Mensch aus, höchstens über einen winzigen Ausschnitt seines literarischen Geschmacks. Ist mir eine Geschichte zum Beispiel zu seicht, heißt das nicht, dass deren Leser seicht sind. Manch einer denkt den ganzen Tag, muss sein Gehirn auf Hochtouren laufen lassen und braucht etwas, mit dem er etwas herunterfahren kann, um abzuschalten. Oder es fehlt nach einem anstrengenden Tag in der Schule, an der Uni, bei der Arbeit oder der Betreuung der Kinder oder pflegebedürftiger Angehöriger die Konzentration für ein hochkomplexes Werk. Die Leben der Leser sind vielfältig, die Gründe, zu einem Buch zu greifen ebenso. Da ist gut und richtig so und ich finde, es steht keinem zu, auf jemanden nur wegen der Auswahl seiner Lektüre herabzusehen.

Buchregal, Buchregal an der Wand, wer ist der beste Leser im Land?

Ist das denn wichtig? Sollten wir nicht lieber glücklich darüber sein, dass es noch so viele Menschen gibt, die Freude an geschrieben Worten und daraus gewobenen Geschichten haben? Was ist überhaupt ein „guter“ Geschmack und wer entscheidet das? Nach welchen Kriterien soll man das beurteilen und sind diese wirklich objektiv? Ein Beispiel: Angenommen man betrachtet Klassiker als anspruchsvolle Literatur, Liebesromane aber als triviale Unterhaltung, was ist dann mit den Klassikern, die im Kern eine Liebesgeschichte erzählen? Was macht diese besser als einen modernen Liebesroman? Ist es die Sprache? Der Bezug zur dargestellten Beziehung zur gesamtgesellschaftlichen Realität der jeweiligen Zeit? Wer oder was entscheidet darüber, ob eine Liebesgeschichte trivial ist oder nicht? Ist vieles hier nicht eher subjektiv? Ist man tatsächlich ein „besserer“ Leser, wenn man eine bestimmte Art von Literatur bevorzugt? Ich denke nein.  Neulich las ich in einer Diskussion zu diesem Thema eine sehr kluge Aussage, nämlich dass man aus jeder Geschichte etwas herausziehen und lernen könne. Das unterschreibe ich sofort. Es kommt nicht nur auf den Inhalt des Buches an, sondern auch darauf, wie man es liest. Jedes Buch kann uns etwas über unsere Welt erzählen, selbst wenn sie gar nicht in dieser spielt, sondern in einer fernen Galaxie oder einem fiktiven Reich voller Magie und Zauber.

Wunderbar bunte Medienwelt

Das Buch hat im Lauf der Jahrzehnte immer mehr Konkurrenz bekommen. Neue Medien sind hinzugekommen und haben sich stetig weiterentwickelt. Wenn ich da zum Beispiel an Computerspiele denke, so sind heute plastische Welten möglich, an die ich niemals gedacht hätte, als ich in meiner Jugend virtuelle Spielkarten mit der Maus über den Bildschirm schob. Es gibt eine Vielzahl an Fernsehsendern und Streamingdiensten, die Auswahl ist größer denn je. Für viele ist das Buch nicht mehr unbedingt die erste Wahl. Das kann man bedauerlich finden, das verstehe ich. Teils geht es mir ja auch so, vor allem weil ich sehe, dass mit der Zahl der Leser auch die Vielfalt am Buchmarkt schrumpft. Andererseits stimmt es mich aber traurig, dass manche Leser diese Entwicklung zum Anlass nehmen, um sich über die Konsumenten anderer Medien zu erheben. Wenn sich jemand für ein Buch entscheidet, ist das toll, aber es macht ihn nicht automatisch besser oder klüger als jemanden, der den Abend lieber mit einer Serie oder einem Spiel verbringt. Zumal es ohnehin kaum reine Leser oder Nichtleser gibt, Es ist schließlich keiner gezwungen, sich für ein Medium zu entscheiden. Jedes davon bietet eine breite Vielfalt von simplen bis zu hochkomplexen Inhalten. Es ist großartig, dass wir die Wahl haben. Und letztendlich haben doch alle Medien eines gemeinsam: Sie vermögen es, eine spannende Geschichte zu erzählen.

Läuterung

Läuterung

Jeder Nadelstich fühlte sich wie eine Erlösung an. Er lauschte dem Surren der Maschine, die frische Tinte in seine Haut trieb, wo sie sich mit den dunklen Spuren vergangener Zeiten vermischte und alte Dummheit zu neuer Schönheit formte. Deshalb hatte er das Motiv des Schmetterlings gewählt, als Zeichen der Metamorphose. Hier saß jetzt ein anderer Mann als der, dem ein einstiger Freund das Symbol des Hasses in die Brust gestochen hatte. Der Schmerz, den er mit zusammengebissenen Zähnen durchlitt, kam ihm wie eine Läuterung vor. Mit dem neuen Tattoo konnte er sein früheres Leben endgültig hinter sich lassen. Dass sich darunter einmal ein Hakenkreuz befunden hatte, sollte fortan sein Geheimnis sein.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Geheimnis)

Schöne Worte

Schöne Worte

Für mich bist du wie das sanfte Wiegen der Birkenzweige im Wind, der Duft des erblühenden Frühlings, der Geschmack von Erdbeeren und das Summen der Bienen an einem Sommertag. Das habe ich dir gesagt und damit dein Herz eingefangen. Das Leuchten in deinen Augen werde ich niemals vergessen. Es hat sich tief in meine Seele gebrannt und treibt mich weiter auf den Moment zu, den ich ersehne, seit ich dir begegnet bin.

Du träumst von einer Kirche, Blumenschmuck und einem großen Tag, der die Weichen für unser beider Zukunft stellt. Ich will ihn dir schenken, habe ihn schon lange geplant, bis ins kleinste Detail. Es wird eine Überraschung. Der Gedanke daran begleitet mich in den Schlaf, wenn du an meiner Seite liegst.

Glaubst du, mich zu kennen? Du ahnst nicht, wie sehr du dich irrst. Ein Blick auf meinen Allergiepass und du wüsstest vielleicht, was meine ach so schönen Worte wirklich meinten. Ich lüge nie, auch dir gegenüber nicht. Ich sage nur Dinge, die du falsch verstehst, weil du dich von einer schillernden Maske blenden lässt. Was weißt du schon von den finsteren Räumen, die sich hinter weiß getünchten Fassaden verbergen?

Ich werde sie dir zeigen. Dann wirst du endlich die Wahrheit erkennen. Doch wenn du hinter mein Geheimnis kommst, ist es für dich zu spät, wie für all die anderen, die meinem tückischen Charme erlegen sind. Das weiße Kleid liegt schon für dich bereit. Wenn du es trägst, wird mein Spiel zu Ende und dein Licht erloschen sein.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Geheimnis)

Krank

Krank

Anna starrte auf die Tür des Sprechzimmers. Sie hatte es satt, gemustert, gemessen, gewogen, abgehorcht, von Nadeln gestochen, in Röhren geschoben und durchleuchtet zu werden. Eine andere Stadt, eine neue Praxis, das alte Spiel.
„Hier wird man dir sicher helfen.“ Wie oft hatte Anna diese Worte schon gehört? Jetzt war der Doktor ein Hoffnungsträger, bald würde die Mutter auch ihn einen Versager nennen, der nichts von seinem Beruf verstand.

Als der Arzt kam, erzählte Anna von ihren Schwächegefühlen, den Bauchschmerzen, der Müdigkeit und dem Hämmern in ihrem Kopf. Die Mutter unterbrach, schmückte aus, dramatisierte. Die Praxis war ihre Bühne und die aufopferungsvolle Pflegerin die Rolle, die sie leidenschaftlich verkörperte.
Es sollte ihr letzter Auftritt werden. Dieses Mal hatte sie das falsche Publikum gewählt. Der Arzt erkannte die Zeichen, hatte sie vor Jahren übersehen und sich geschworen, dass ihm das nie wieder passieren würde.
„Du warst schon bei vielen Ärzten, oder?“

Anna zögerte, sah aus den Augenwinkeln den drohenden Blick ihrer Mutter. Schon einmal hatte sie versucht, die Wahrheit zu sagen. Niemand hatte ihr geglaubt. Die Tränen der Mutter, die scheinbare Verzweiflung ob der schamlosen Lügen der Tochter, um die sie sich so fürsorglich kümmerte, waren überzeugender gewesen als die Worte eines Kindes. Wenn Anna ihren Part nicht richtig spielte, würden die nächsten Tage zu Hause die Hölle werden. Aber sie spürte instinktiv, dass sie diesem Arzt trauen konnte. Vielleicht war er ihr letzter Rettungsanker.
„Ja“, sagte sie schließlich, zitternd vor Angst. „Und ich glaube, sie macht mich krank.“

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Angst)

Die Raupe

Die Raupe

Die Wärme war ebenso aus der Welt gewichen wie aus der Beziehung zu dem Mann, der neben ihr ging, den Blick starr nach vorne gerichtet. Mia bereute, seine Begleitung nicht abgelehnt zu haben. In seiner Gegenwart konnte sie nicht frei atmen, nicht einmal hier draußen, inmitten der Felder.
Es war schon lange keine Liebe mehr, die sie bei ihm hielt, vielmehr eine Mischung aus Angst vor seiner Reaktion, dem Alleinsein und dem Gefühl, wieder einmal versagt zu haben. Bisher hatten sie alle Männer verlassen, nur Tobias blieb an ihrer Seite.

Anfangs hatte er sie auf ein Podest gestellt, bewundert, fast schon angebetet. Inzwischen erhob er sich über sie und sah auf sie herab, während sie nach dem Mut suchte, aufzustehen und davonzulaufen.
»Ich gebe uns noch eine Woche«, sagte sie sich immer wieder. Die Zeit verstrich, Mia blieb. Sie versuchte, mit Tobias zu reden, aber sie kannte die Sprache nicht, mit der sie ihn erreichen konnte. Wenn sie doch einmal den Entschluss fasste, ihn zu verlassen, hielt er sie mit schmeichelnden Worten gefangen, wurde wieder zu dem charmanten Bewunderer, in den sie sich einst verliebt hatte. Er band sie an sich mit der Hoffnung, dass alles wieder so werden könnte, wie es in glücklicheren Zeiten gewesen war. Wenig später machte er sie wieder klein, konfrontierte sie gnadenlos mit all den Unzulänglichkeiten, die sie in seinen Augen besaß. Oder er schwieg sie an, so wie jetzt.
Mia seufzte und Blickte zu Boden. Am Wegesrand entdeckte sie auf einem Blatt eine Raupe, schwarz mit gelb-orangenen Streifen, die fast zu leuchten schienen. Mia ging in die Hocke, um das Tierchen näher betrachten zu können.
»Was ist da?« Tobias’ Stimme war kälter als der eisige Wind.
»Eine Raupe. Sie ist wunderschön.«
Tobias schnaubte verächtlich. »Ist dir bewusst, dass die meisten Menschen – normale Menschen – Raupen ekelhaft finden?«
Mia starrte weiter auf das kleine Insekt, das gemächlich auf seinem Blatt entlang kroch, gänzlich unbeeindruckt von dem Mann, der seine Schönheit nicht zu schätzen wusste.
Wie viele Momente hatte Tobias ihr schon zerstört? Mia wusste es nicht, aber sie beschloss, dass dieser hier der letzte gewesen war. Langsam stand sie auf, griff in ihre Manteltasche und holte seinen Wohnungsschlüssel hervor.
»Was soll das werden?«
»Den brauche ich nicht mehr. Und dich auch nicht.«
Tobias lachte. »Hast du das aus einem drittklassigen Liebesroman? Wo willst du denn hin? Was willst du ohne mich machen? Und wie du mich brauchst. Weißt du auch warum? Weil niemand sonst dich je lieben wird.«
»Dann liebe ich mich eben selbst.« Mia streckte ihm noch einmal die Hand mit dem Schlüssel entgegen.
Tobias verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und grinste.
In Zeitlupentempo drehte Mia die Hand, bis der Schlüssel hinunterfiel und direkt in einer Pfütze zu Tobias’ Füßen landete. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging. Sie wusste, dass er ihr nicht folgen würde.

Die Kälte schwand mit jedem Tag ein wenig mehr, bis es in ihr und um sie endlich Frühling war. Mia saß auf einer Bank am Rand einer frisch erblühten Wiese und genoss die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht. Auf einer Blüte zu ihren Füßen entdeckte sie einen Schmetterling mit schwarzen Flügeln und gelb-orangenem Muster.
»Danke.« Mia lächelte.