So ist es im Roman „Vox“ von Christina Dalcher. Genauer gesagt ist es Frauen und Mädchen nur noch gestattet, 100 Wörter am Tag zu sprechen. Wird die Menge überschritten, löst ein Armband am Handgelenk zunehmend stärker werdende Stromstöße aus. Frauen dürfen nicht mehr arbeiten und sollen sich ganz auf die Rolle als Ehefrauen und Mütter konzentrieren. So wollen es die christlich-fundamentalistischen „Reinen“, die in Amerika an die Macht gelangt sind. Ein interessantes Gedankenspiel. Deshalb habe ich zu diesem Buch gegriffen, auf das ich nachfolgend aber nur am Rande eingehen möchte, denn dies ist keine Rezension. Ich verfolge mit meinem Blog ein anderes Konzept, das ich in meinem Artikel „Wie ich über Bücher schreiben möchte“ kurz vorstelle. Statt das Gelesene zu bewerten, möchte ich die Gedanken und Gefühle mit euch teilen, die es bei mir ausgelöst hat.

Wie könnte die Zukunft wirklich aussehen?

Wäre eine derartig massive Unterdrückung des weiblichen Geschlechts in den USA der nahen Zukunft tatsächlich möglich? Ich kann es mir nur schwer vorstellen. Allerdings hätte ich auch nie gedacht, dass jemand wie Donald Trump jemals Präsident werden würde, also was verstehe ich schon von der amerikanischen Seele? Allerdings hält auch die Protagonistin zunächst für undenkbar, was auf den ersten Seiten des Romans bereits zu ihrer grausamen Realität geworden ist.

Wie wäre ich wohl mit den mahnenden Stimmen umgegangen? Hätte ich auf sie gehört oder sie als Schwarzmalerei abgetan? Zumindest wäre ich ihnen mit einer gewissen Skepsis begegnet. Das ist meiner Meinung nach auch sinnvoll, denn in einer komplexen Welt wie der unsrigen lauert die Gefahr bei Zukunftsvisionen von verschiedenen Seiten. Einerseits sollten wir wichtige Warnungen nicht ignorieren, andererseits aber auch nicht auf falsche Untergangspropheten hereinfallen, die Angst schüren, um ihre eigenen Zwecke zu verfolgen. Das eine vom anderen zu unterscheiden, ist oft eine ziemliche Herausforderung.

Von der Verarmung der Sprache

100 Wörter, das ist ziemlich wenig. Das gilt umso mehr, als dass Schummeleien wie stattdessen zu Papier und Stift zu greifen ebenfalls ausgeschlossen sind. Erst dadurch wird die Vorstellung für mich richtig beklemmend. Es kommt nämlich durchaus vor, dass den ganzen Tag kaum eine Silbe über meine Lippen kommt. Aber ich finde den Gedanken unerträglich, mich nicht mehr schriftlich ausdrücken zu können. Den Frauen in „Vox“ nimmt man in vielerlei Hinsicht ihre Stimme, nicht nur in Bezug auf das gesprochene Wort. Viele Gedanken bleiben im Inneren verschlossen, weil es keine Möglichkeit mehr gibt, sie anderen mitzuteilen. Da die Wortzähler bereits im frühen Kindesalter angelegt werden, behindert die Regierung in „Vox“ die Mädchen zudem in der Entwicklung einer vielfältigen Ausdrucksfähigkeit. Wie würde das Leben in solch einer Gesellschaft zwei, drei Generationen später aussehen? Schließlich lassen sich Sprache und Denken nicht voneinander trennen. Wenn ich über die Welt nachdenke, dann tue ich das mit stummen Worten in meinem Kopf.

Was nach dem Lesen bleibt

Das Buch hat mich daran erinnert, wie wunderbar die Vielfalt unserer Sprache ist. Ich gehe tagtäglich ganz selbstverständlich mit Worten um. Sich darüber Gedanken zu machen, wie es wäre, wenn sie zur stark rationierten Ressource würden, ist bedrückend, aber auch interessant und bewegend. Das ist der Aspekt, der mich an „Vox“ gereizt hat und mir auch nach dem Beenden des Buchs in Erinnerung bleiben wird.

Weiterführende Links zu „Vox“ von Christina Dalcher

Rezensionen:

Auf dieses Buch wurde ich erst über eine Rezension im Blog „Franzi liest“ aufmerksam: http://franzi-liest.de/wp/christina-dalcher-vox/

Außerdem habe ich aus den Feuilletons zwei weitere Rezensionen herausgesucht, die das Buch auf unterschiedliche Weise bewerten:

Buchseite des Verlags:

https://www.fischerverlage.de/buch/christina_dalcher_vox/9783103974072

Alle Verlinkungen erfolgen ohne Gegenleistung und zu informativen Zwecken.