Die Wärme war ebenso aus der Welt gewichen wie aus der Beziehung zu dem Mann, der neben ihr ging, den Blick starr nach vorne gerichtet. Mia bereute, seine Begleitung nicht abgelehnt zu haben. In seiner Gegenwart konnte sie nicht frei atmen, nicht einmal hier draußen, inmitten der Felder.
Es war schon lange keine Liebe mehr, die sie bei ihm hielt, vielmehr eine Mischung aus Angst vor seiner Reaktion, dem Alleinsein und dem Gefühl, wieder einmal versagt zu haben. Bisher hatten sie alle Männer verlassen, nur Tobias blieb an ihrer Seite.

Anfangs hatte er sie auf ein Podest gestellt, bewundert, fast schon angebetet. Inzwischen erhob er sich über sie und sah auf sie herab, während sie nach dem Mut suchte, aufzustehen und davonzulaufen.
»Ich gebe uns noch eine Woche«, sagte sie sich immer wieder. Die Zeit verstrich, Mia blieb. Sie versuchte, mit Tobias zu reden, aber sie kannte die Sprache nicht, mit der sie ihn erreichen konnte. Wenn sie doch einmal den Entschluss fasste, ihn zu verlassen, hielt er sie mit schmeichelnden Worten gefangen, wurde wieder zu dem charmanten Bewunderer, in den sie sich einst verliebt hatte. Er band sie an sich mit der Hoffnung, dass alles wieder so werden könnte, wie es in glücklicheren Zeiten gewesen war. Wenig später machte er sie wieder klein, konfrontierte sie gnadenlos mit all den Unzulänglichkeiten, die sie in seinen Augen besaß. Oder er schwieg sie an, so wie jetzt.
Mia seufzte und Blickte zu Boden. Am Wegesrand entdeckte sie auf einem Blatt eine Raupe, schwarz mit gelb-orangenen Streifen, die fast zu leuchten schienen. Mia ging in die Hocke, um das Tierchen näher betrachten zu können.
»Was ist da?« Tobias’ Stimme war kälter als der eisige Wind.
»Eine Raupe. Sie ist wunderschön.«
Tobias schnaubte verächtlich. »Ist dir bewusst, dass die meisten Menschen – normale Menschen – Raupen ekelhaft finden?«
Mia starrte weiter auf das kleine Insekt, das gemächlich auf seinem Blatt entlang kroch, gänzlich unbeeindruckt von dem Mann, der seine Schönheit nicht zu schätzen wusste.
Wie viele Momente hatte Tobias ihr schon zerstört? Mia wusste es nicht, aber sie beschloss, dass dieser hier der letzte gewesen war. Langsam stand sie auf, griff in ihre Manteltasche und holte seinen Wohnungsschlüssel hervor.
»Was soll das werden?«
»Den brauche ich nicht mehr. Und dich auch nicht.«
Tobias lachte. »Hast du das aus einem drittklassigen Liebesroman? Wo willst du denn hin? Was willst du ohne mich machen? Und wie du mich brauchst. Weißt du auch warum? Weil niemand sonst dich je lieben wird.«
»Dann liebe ich mich eben selbst.« Mia streckte ihm noch einmal die Hand mit dem Schlüssel entgegen.
Tobias verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust und grinste.
In Zeitlupentempo drehte Mia die Hand, bis der Schlüssel hinunterfiel und direkt in einer Pfütze zu Tobias’ Füßen landete. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging. Sie wusste, dass er ihr nicht folgen würde.

Die Kälte schwand mit jedem Tag ein wenig mehr, bis es in ihr und um sie endlich Frühling war. Mia saß auf einer Bank am Rand einer frisch erblühten Wiese und genoss die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht. Auf einer Blüte zu ihren Füßen entdeckte sie einen Schmetterling mit schwarzen Flügeln und gelb-orangenem Muster.
»Danke.« Mia lächelte.