Erol stand am Rand des Hochhausdachs und starrte nach unten. Die Straßenlaternen dieses Viertels waren schon lange kaputt. Niemanden kümmerte es. Wer sich hier herumtrieb, suchte den Schutz der Dunkelheit.

Der Lärm von Rotorblättern durchbrach die Stille. Grelle Lichtkegel durchkreisten die Nacht. Selbst hier hatten sie ihn entdeckt. Wie viel Zeit blieb noch, bis die Scheinwerfer ihn erfassten? Zu wenig, um Pläne zu schmieden. Erol sprang.

Als er aufkam, blitzte es. Hinter einem flimmernden Schleier aus bunten Lichtern sah Erol das Gesicht des Reporters, der ihm vor Wochen die Maske vom Gesicht gerissen hatte.

Die Flucht in seine normalmenschliche Identität blieb ihm seither verwehrt. Nirgends konnte er hingehen, ohne dass man ihn ausfragte, bedrängte, fotografierte und die Bilder durch die sozialen Netze jagte. Viele brachten sich absichtlich in Gefahr, damit „HeroMan“ sie rettete. Erol hasste dieses Spiel und ließ sich dennoch darauf ein. Was, wenn er sich irrte und jemanden für einen Ruhmjäger hielt, der wirklich Hilfe brauchte? Solch einen Fehler hätte er sich niemals verziehen.

Anfangs waren die Menschen dankbar gewesen, hatten ihn gefeiert und bewundert. Inzwischen nahmen sie ihn als Selbstverständlichkeit hin, als wäre sie zu schützen sein Job und keine selbst gewählte Aufgabe. Täglich dachte er darüber nach, einfach zu verschwinden. Ein letzter Tag als Superheld, dann Frieden, weit fort in der Wildnis, wo niemand auf ihn lauerte. Aber aufzugeben war keine Option. Er würde weiter über diese Stadt wachen, so lange, bis sie ihn gänzlich ausgelaugt hatte und nichts mehr von ihm übrig blieb.

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Tag)

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