Anna starrte auf die Tür des Sprechzimmers. Sie hatte es satt, gemustert, gemessen, gewogen, abgehorcht, von Nadeln gestochen, in Röhren geschoben und durchleuchtet zu werden. Eine andere Stadt, eine neue Praxis, das alte Spiel.
„Hier wird man dir sicher helfen.“ Wie oft hatte Anna diese Worte schon gehört? Jetzt war der Doktor ein Hoffnungsträger, bald würde die Mutter auch ihn einen Versager nennen, der nichts von seinem Beruf verstand.

Als der Arzt kam, erzählte Anna von ihren Schwächegefühlen, den Bauchschmerzen, der Müdigkeit und dem Hämmern in ihrem Kopf. Die Mutter unterbrach, schmückte aus, dramatisierte. Die Praxis war ihre Bühne und die aufopferungsvolle Pflegerin die Rolle, die sie leidenschaftlich verkörperte.
Es sollte ihr letzter Auftritt werden. Dieses Mal hatte sie das falsche Publikum gewählt. Der Arzt erkannte die Zeichen, hatte sie vor Jahren übersehen und sich geschworen, dass ihm das nie wieder passieren würde.
„Du warst schon bei vielen Ärzten, oder?“

Anna zögerte, sah aus den Augenwinkeln den drohenden Blick ihrer Mutter. Schon einmal hatte sie versucht, die Wahrheit zu sagen. Niemand hatte ihr geglaubt. Die Tränen der Mutter, die scheinbare Verzweiflung ob der schamlosen Lügen der Tochter, um die sie sich so fürsorglich kümmerte, waren überzeugender gewesen als die Worte eines Kindes. Wenn Anna ihren Part nicht richtig spielte, würden die nächsten Tage zu Hause die Hölle werden. Aber sie spürte instinktiv, dass sie diesem Arzt trauen konnte. Vielleicht war er ihr letzter Rettungsanker.
„Ja“, sagte sie schließlich, zitternd vor Angst. „Und ich glaube, sie macht mich krank.“

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Angst)

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