Mikrofiktion

Ein vorgegebenes Wort und maximal 250 Wörter Länge, das sind die Vorgaben bei den monatlichen Wettbewerben von Sweek, für die diese Texte geschrieben wurden.

Zeitspiel

Er folgte ihr, doch sie bemerkte ihn nicht. Sorglos spazierte sie durch den Wald und blieb gelegentlich stehen, um die Blätter zu beobachten, wie sie im Wind tanzten. Auf ihn wirkte es, als wollten sie ihre letzte Kraft in einen schönen Abgang legen, ehe...

Tinte

In dunklem Blau fließen meine Gedanken aufs Papier. Die inneren Dämonen werden erträglicher, wenn ich sie in Worte banne. Sie verschwinden nicht, aber sie verlieren an Macht. Die Kraft, die mir das Schreiben gibt, sauge ich von der ihren ab. Sie hassen es,...

Läuterung

Jeder Nadelstich fühlte sich wie eine Erlösung an. Er lauschte dem Surren der Maschine, die frische Tinte in seine Haut trieb, wo sie sich mit den dunklen Spuren vergangener Zeiten vermischte und alte Dummheit zu neuer Schönheit formte. Deshalb hatte er...

Schöne Worte

Für mich bist du wie das sanfte Wiegen der Birkenzweige im Wind, der Duft des erblühenden Frühlings, der Geschmack von Erdbeeren und das Summen der Bienen an einem Sommertag. Das habe ich dir gesagt und damit dein Herz eingefangen. Das Leuchten in deinen...

Krank

Anna starrte auf die Tür des Sprechzimmers. Sie hatte es satt, gemustert, gemessen, gewogen, abgehorcht, von Nadeln gestochen, in Röhren geschoben und durchleuchtet zu werden. Eine andere Stadt, eine neue Praxis, das alte Spiel. „Hier wird man dir sicher...

Nicht fallen

Ich hasse es, die Kontrolle über meinen Körper zu verlieren, zu spüren, wie die Schwerkraft an ihm zerrt, ihn zu Boden reißt, ohne dass ich es aufhalten kann. Der Aufprall erschüttert mich, selbst wenn er nicht schmerzhaft ist. Deshalb trage ich keine...

Verlassen

Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Wärme einer Berührung gespürt. Wie lange genau, wusste sie nicht. Die Zeit war längst zu einer zähen Masse verkommen, nicht greifbar und ohne jede Kontur. Ihre Gedanken klammerten sich an die Vergangenheit. Sie...

Heldentage

Erol stand am Rand des Hochhausdachs und starrte nach unten. Die Straßenlaternen dieses Viertels waren schon lange kaputt. Niemanden kümmerte es. Wer sich hier herumtrieb, suchte den Schutz der Dunkelheit. Der Lärm von Rotorblättern durchbrach die...

Seelenspiel

„Erinnerst du dich an mich?“ Lena zuckte zusammen und sah sich um. Eine Gestalt löste sich aus dem Schatten und trat in das fahle Licht der Lampe über der Eingangstür des abgelegenen Hauses. „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ Ihre Hände zitterten so stark,...