Morian beobachtete Lucia aus der Ferne, wie sie durch den Herbstwald spazierte und mehrmals innehielt, um sich an dessen Wundern zu erfreuen. Obwohl sie noch kein Wort miteinander gewechselt hatten, wusste er alles über sie: Wo sie wohnte, was sie liebte, mit wem sie sich abgab. Sie war gerne unter Menschen, verbrachte aber auch viel Zeit allein, am liebsten hier, draußen in der Natur.
Ein kräftiger Windstoß schüttelte Blätter von den Bäumen. Sie tanzten durch die Luft hinab, nicht wissend, welch grausames Schicksal sie am Boden erwartete. Dort würden sie verrotten, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Auch Lucia würde es so ergehen, aber davon ahnte sie nichts, während sie lachend im Reigen des sterbenden Laubes tanzte.

Ohne sie aus den Augen zu lassen, zog Morian eine kleine, silberne Uhr aus der Tasche und schaute kurz aufs Ziffernblatt. Verdammt, ihm blieb nicht mehr viel Zeit! Er durfte sich keinen Fehler erlauben, sonst war seine Chance vorbei.

Ein Stück weit entfernt raschelte etwas im Gebüsch. Morian hörte das Knirschen von Laub und das Knacken von Zweigen, die unter dem Gewicht eines schweren Körpers zerbrachen. Wenige Sekunden später entdeckte er den Mann, der wie ein Schatten von Baum zu Baum huschte und sich an die junge Frau heranpirschte, die weiter arglos durch den Blätterregen wirbelte.

Etwas blitzte in der Hand des Verfolgers auf. Morian konnte sich denken, was es war, auch wenn er es nicht genau erkannte. Niedergestochen am helllichten Tag – das durfte nicht Lucias Ende sein. Hektisch kramte er in seiner Manteltasche, fand eine Uhr aus grauem Plastik, warf sie auf den geschotterten Weg und trat darauf, immer wieder, mit aller Kraft. Zeitgleich zog er die Silberuhr auf, deren Sekundenzeiger nur noch schwerfällig und viel zu langsam weiter kroch.

Der Jäger sprang zwischen den Bäumen hervor, das Messer fest umklammert. Nur wenige Schritte trennten ihn von seiner Beute, noch drei, noch zwei, noch einer …
Endlich bemerkte Lucia ihn, schrie auf, rannte los. Sie war schnell, brachte etwas Abstand zwischen sich und ihren Verfolger. Eine unter dem Laub verborgene Wurzel brachte sie zu Fall. Ehe sie sich hochrappeln konnte, war der Angreifer über ihr, die Klinge zum tödlichen Stich erhoben.

Gerade, als er ihn ausführen wollte, sackte er zusammen. Das Messer entglitt ihm und er stürzte auf die junge Frau, die mit schreckgeweiteten Augen am Boden lag. Zunächst war sie wie erstarrt, dann schrie sie erneut, kämpfte sich unter dem leblosen Körper hervor und stürmte davon.

Morian spuckte auf das Plastik, das zu seinen Füßen lag. Dann griff er nach der silbernen Uhr und beobachtete die lebhaften Sprünge des Sekundenzeigers. Ein Leben endete, ein anderes ging weiter, so wie es vorgesehen war. Nur die Rollen hatte er neu verteilt. Das war gegen die Regeln, aber er hatte es satt, nur eine Spielfigur zu sein, die von anderen geführt wurde. Dieses eine Mal wollte er selbst über das Ende der Runde bestimmen.

Vor ihm erschien ein Schemen, der zunehmend an Konturen gewann und schließlich die Gestalt eines menschenähnlichen, aber durchscheinenden Mannes annahm. Er war in einen bodenlangen, grauen Mantel gehüllt, dessen Kapuze sein Gesicht halb verdeckte.
„Du weißt, warum ich hier bin“, erklang seine dröhnende Stimme. Die Worte hallten mehrmals als Echo wider, ehe sie endlich verklangen.
Morians Knie zitterten. Er verfluchte sich selbst dafür, dass es ihm nicht gelang, seine Angst zu verbergen. Diese Genugtuung gönnte er ihm nicht, dem Meister der Uhren, der den Menschen ihre Lebenszeit zuteilte. Keiner verstand, nach welchem System er dabei vorging, sofern es überhaupt eines gab. Wenn ihn jemand danach fragte, gab er stets dieselbe Antwort: „Das Gefüge des Universums ist komplex und die Zeit auf eine Weise darin verwoben, die du nicht verstehen würdest. Daran, dass die Welt noch nicht zugrunde gegangen ist, erkennst du, dass ich richtig handle. Hab Vertrauen.“
Das hatte Morian aber nicht mehr, seit er den Auftrag bekommen hatte, diese junge Frau zu holen.
Niemals zuvor hatte er einen Menschen gesehen, der das eigene Leben so sehr schätzte und das der anderen so sehr bereicherte wie sie. Es war nicht gerecht, ihr so wenig Zeit zu geben, während jene, die sie nutzlos verschwendeten, ein Vielfaches davon bekamen. Lucia war es wert, die Regeln zu brechen, mit allen Konsequenzen.
Der Meister streckte seine ineinander gelegten Hände hervor und öffnete sie, sodass sie eine Schale bildeten. Darin befand sich eine schwarze Uhr, die leise tickte. „Schau sie dir an“, begann er und hielt dann einige Sekunden inne. „Sie hätte für die Ewigkeit laufen können, aber du hast eine andere Wahl getroffen. Jede noch so kleine Änderung kann ungeahnte Folgen haben, aber das begreifst du nicht. Deine lächerliche Vernarrtheit in einen unbedeutenden Menschen hat dich blind gemacht. Es gibt nur einen Weg, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Dein letzter Wunsch?“
Auf diese Frage gab es nur eine Antwort, wenn er nicht wollte, dass alles umsonst gewesen war: „Lass ihr die Zeit, die ich ihr gegeben habe.“
„Das war zu erwarten. Ihr seid alle gleich.“
„Wir?“
„Du bist nicht der erste Tod, der sich seinen Anweisungen widersetzt, und du wirst auch nicht der letzte sein. Mir scheint, die Menschen färben auf euch ab, wenn ihr zu viele davon ins Jenseits begleitet habt. Bedauerlich, denn ich gebe lieber Lebenszeit, als sie zu zerstören. Ich wünschte, ihr würdet mich nicht dazu zwingen.“
Der Meister seufzte tief, dann schloss er seine Hände. Das Letzte, was Morian hörte, war das Geräusch eines Uhrglases, das unter dem erbarmungslosen Druck mächtiger Finger zersprang.