Schon seit Jahren hatte sie nicht mehr die Wärme einer Berührung gespürt. Wie lange genau, wusste sie nicht. Die Zeit war längst zu einer zähen Masse verkommen, nicht greifbar und ohne jede Kontur.

Ihre Gedanken klammerten sich an die Vergangenheit. Sie dachte an den jungen Studenten, an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnern konnte. Seine zarten Finger hingegen würde sie niemals vergessen, ebenso wenig wie die raue Haut des Anwalts, der sie stets gröber angefasst hatte, als es angenehm war. Dennoch vermisste sie ihn, jetzt da die Einsamkeit sie zu zerfressen drohte.

Am schmerzlichsten war die Erinnerung an den Auszug des Musikers, eines alternden Träumers mit sanften und doch starken Händen. Ihm hatte sie noch lange nachgetrauert, länger als all den anderen. Vielleicht, weil sie instinktiv gewusst hatte, dass nach ihm keiner mehr kommen würde.

Seither war sie allein, umgeben von Stille, die mit jedem Tag quälender wurde. Sie fühlte sich nutzlos und leer inmitten der kargen Wände, die zunehmend Staub ansetzten und äußerlich so sehr verwahrlosten, wie sie es im Inneren tat. Manchmal sah sie in der Ferne jemanden vorbeigehen und malte sich aus, wie es wäre, wenn er zu ihr käme, sie berührte und bei ihr ein neues Zuhause fände. Es blieb ein Traum, den sie nicht teilen konnte. Für den Rest der Welt war sie nur ein totes Stück Materie.

Welchen Sinn hatte das Dasein einer Tür noch, wenn niemand mehr hindurchtrat, um die Räume dahinter mit Leben zu füllen?

(Dieser Text wurde für den monatlichen Mikrofiktions-Wettbewerb bei Sweek geschrieben. Vorgegebenes Wort: Tür)

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